Presseartikel

Den Schmerz vergessen

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Menschen mit Behinderung erleben einen barrierefreien Flugtag in Hayingen

den Schmerz vergessen

Hayingen. Wer seit seinem vierten Lebensjahr mit Einschränkungen leben muss, der hat viele Wünsche. Aber wenige, die er sich unbedingt erfüllen will und auch kann. Einen, den hat sich Verena Heidak aus Stuttgart ganz oben auf die „ToDo“-Liste ihres Lebens geschrieben. „Ich möchte fliegen“, sagt die 27-jährige. Ihr Handicap: Ihre Muskeln versagen ihr immer öfter den Dienst. Begonnen hat alles mit Schwächen im Sportunterricht, ging weiter über Probleme beim Stehen und Gehen und endete in einer tiefen Depression. Bildhübsch, jung und dennoch vom Leben abgeschnitten. Das war die fast ausweglose Lage der lebenshungrigen Frau. „Gib niemals auf“, sagte sie sich. Nicht daheim rum sitzen und im Bett liegen bleiben. Rausgehen und „gegen die ganze Scheiße ankämpfen“, sagt sie und: „Das lohnt sich.“ Sie will etwas erleben, mitnehmen, was das Leben ihr bietet und ermöglicht.

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Als Verena sich beim barrierefreien Flugtag auf dem Fluggelände in Hayingen den Preis aus Händen von Willi Rudolf des Landesvorsitzenden der Selbsthilfe für behinderte Menschen zieht, erfüllt sich der Traum. Plötzlich spielt der Rollstuhl, in dem sie vorher noch saß, keine Rolle mehr. Der bleibt am Rande des Rollfelds zurück, während sie abhebt. „Es war riesig – das reicht, wenn Du nur für zehn Minuten alle Deine Schmerzen vergisst“, prägte sich das Erlebte tief in ihr Herz ein. Mithilfe von Projektleiterin Brigitte Pappe (Moselkern) gelang der Einstieg in den Tragschrauber fast mühelos. Nach einer kurzen Platzrunde mit Biosphärenflieger Werner Schrägle (Erpfingen) ein kurzer Check und sie durfte nochmals durchstarten. Ein prima Bild für das, was die übrigen Teilnehmer der Biosphärentour zum 20-jährigen Bestehen des Landesverband Selbsthilfe Körperbehinderter (LSK) Baden Württemberg an diesem Tag Sommertag bei 22 Grad und ein paar Wolken erlebten.

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Nach ihrer Rückkehr berichtete Verena Heidak voller Stolz dem sie fotografierenden Dietmar Nill (Mössingen) über das Erlebte. „Da hat man ja die Chance, im Freibad zu schauen, ob noch ein Liegplatz übrig ist“, sagte sie und löste großes Gelächter aus. So klar, so ruhig so entspannend war der Flug. Naturfotograf Nill kann das mitempfinden, ist er doch schon seit vielen Wochen beruflich immer wieder mit Werner Schrägle in der Luft. „Wie auf Schienen“, war der Flug aus Sicht von Monika Kimmich. Die 46-jährige Arzthelferin kann diese Art der Fortbewegung nur empfehlen. Während sich ihr Begleiter, Fernmeldetechniker Bert Körn, sehr für die Technik des Fliegers interessierte, konnte die halbseitig gelähmte Frau den Flug voll genießen. „Da empfindet man große Freiheit. Ein Abenteuer – und ich wurde immer ruhiger“, erzählte das Mitglied der Regionalgruppe Rottweil. Jutta Kraak, vom Reutlinger Verein der „Computer Oldies“ fand ihren Flug einfach „super“. Auch sie, körperlich unversehrt, kann einen solchen Flug für Menschen mit und ohne Behinderung empfehlen. „Das ist etwas ganz Besonderes“, so Kraak, die mit ihrem Verein seit zehn Jahren im Netzwerk an der Seite von Selbtshilfe-Landesvorsitzendem Willi Rudolf (Mössingen) für die Rechte Behinderter Menschen kämpft.

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An diesem Tag konnten drei Menschen kostenlos mitfliegen. Für Willi Rudolf ein Beweis dafür, dass es immer eine n weg gibt, auch mit Behinderung am Leben teilzunehmen. „Wir haben unser Ziel erreicht. Menschen mit Behinderung haben Grenzen überwunden“, sagte er, ehe die Gruppe weiterreiste ins Biosphärenzentrum und in die Höhle nach Schelklingen, wo Wolf-Dieter Herder (Stuttgart) als Biosphärenbotschafter mit seinen Geschichten und Berichten den Tag abschloss.

 

 


 

Erlebnisflug für Walddorfschüler Leo Konrad

Hayingen. Mit einem Strahlen im Gesicht belohnte Walddorfschüler Leo Konrad seinen Preisgeber Werner Schrägle. Der 13-jährige Schüler gewann einen Erlebnisflug mit dem Erpfinger Gyrocopter-Piloten beim Martinimarkt der Freien Walddorfschule Engstingen im vorigen Jahr. Nun trafen sich der begeisterte Modellbauer und der Biosphärenflieger auf dem Fluggelände in Hayingen, um den Preis einzulösen.

 

 

Nach der Einführung ins Tragschrauber-Fliegen, dem Einkleiden, Einsteigen und vorschriftgemäßen Anschnallen ging’s los. Von Hayingen über das Lautertal, Münsingen, das Alte Lager mit dem Biosphärenzentrum, den Hohen Neuffen, Schloss Lichtenstein und die Waldorfschule. Zum Abschluss der Reise „besuchte“ Leo noch seine Freunde in  Trochtelfingen, ehe die beiden wieder wohl behalten zurück aufs Fluggelände zu ihrem Ausgangspunkt kamen. An diesem Tag hatte Leo Konrad seinen Piloten ganz für sich. Ein Premium-Erlebnis der ganz besonderen Art. Kam er am Samstag doch seinem Berufswunsch Pilot ganz nahe. „Das ist ja viel toller, als ich mir das vorgestellt hatte“, sagte der Schüler der 7. Klasse. Da hat er seinen Kameraden nun viel zu berichten, wenn er am Montag nach zwei Monaten wieder in die Schule kommt. Schließlich endet dann seine „Zwangspause“, nachdem er sich beide Arme gebrochen hatte. Begleitet wurde Leo von seinen Eltern Roswitha und Harry Konrad, die sich ebenfalls beeindruckt zeigten.

 

Werner Schrägle fliegt seit 2008 über das inzwischen als Biosphärenreservat Schwäbische Alb ausgezeichnete Gelände. Der Erpfinger bietet seine Flüge für alle Altersgruppe an. Therapieangebote sind ebenso im Programm wie Themenflüge und Angebote für Firmen und Vereine. „Manche verschenken die Flüge zum Geburtstag oder zu einem besonderen Jubiläum“, berichtet Schrägle. Zuletzt freuten sich die Drittplatzierten des Ermstal-Marathons, des Halbmarathons und des Zehn-Kilometer-Laufs in Metzingen über einen Gutschein. Wer mehr über die Erlebnisflüge wissen möchte, kann sich erkundigen bei Biosphärenflieger Werner Schrägle unter [0160] 582 82 86.
Weitere Informationen enthält die Internetseite www.biosphaeren-flug.de


16. Juli 2011 , 17 Uhr

 


 

VON KLAUS HARTER
Der Rotor dreht sich, aber nicht schnell genug zum Abheben. Werner Schrägle fliegt keine Miniaturausgabe eines Hubschraubers, sondern einen Gyrokopter – und der kann nicht senkrecht starten. Der Pilot beschleunigt seinen offenen Zweisitzer kräftig, der Propeller am Heck treibt ihn nach vorne, nach einigen Metern hebt er ab. Sobald er den Boden unter den Rädern verloren hat, geht es rasch nach oben. Schrägle fliegt einen Tragschrauber, wie der Gyrokopter auf Deutsch genannt wird. Der Rotor wird erst durch den Fahrtwind richtig in Drehung versetzt. Es handele sich um eine Art „fliegende Windmühle“, erklärt der Pilot. Wenn das Triebwerks ausfalle, „gleiten wir auf den Boden wie ein Ahornsamen“.
Werner Schrägle kommt aus Sonnenbühl, sein Heimatflugplatz ist jedoch das Segelfluggelände zwischen Hayingen und Ehestetten. Von dort aus führt die Flugroute über Burg Derneck, das Albvereinsheim, ins Lautertal. „Grobrichtung Albtrauf“ hatte er über Mikrophon angekündigt. Pilot und Passagier sind über Sprechfunk miteinander verbunden. Der Gyrokopter hat keine geschlossene Kabine, die Passagiere sitzen im Freien. Die Frontscheibe und Thermokleidung schützen gegen den Wind.
Das dunkle Band der Lauter schlängelt sich durch das enge Tal der Donau entgegen. Doch der Flug geht in die entgegen gesetzte Richtung über Gundelfingen mit den Ruinen Nieder- und Hohengundelfingen hinweg, über das Landesgestüt Marbach und die Lauterquelle bei Offenhausen. Die Wacholderheiden am Talhang sind auch aus 330 bis 600 Metern Höhe eine Augenweide. Dahinter auf der Hochebene erstrecken sich ausgedehnte landwirtschaftlich genutzte Flächen.


Völlig neue Ein- und Ausblicke.
Vorne am Albtrauf grüßt von weitem der Hohenneuffen. Über dem oberen Becken des Pumpspeicherwerks Glems in der Nähe des Gestüts St. Johann dreht er ab in Richtung Achalm. Die Wildschweine und Hirsche unten in den Wildgehegen sind aus der Luft nicht zu erkennen. Den großen See des Pumpspeicherwerks lässt Schrägle rechts liegen, fliegt über die Freibäder in Eningen und Pfullingen in Richtung Alb. Reutlingen, Eningen und Pfullingen bilden eine große, zusammenhängende Siedlungsfläche, um die herum sich zum Albtrauf hin der Streuobstgürtel zieht. Das Echaztal hoch nimmt Schrägle Kurs auf das Schloss Lichtenstein. Bei solch schönen Motiven dreht er für Fotografen gerne Extrarunden.
Auf der Haid hinter Großengstingen deutet nichts mehr darauf hin, dass hier bis 1993 eine große Kaserne der Bundeswehr war. Die einzigen Relikte liegen etwas abseits auf einer Lichtung im Wald: Die Bunker, in denen die US-Armee einst Atomsprengköpfe für ihre Kurzstreckenraketen gelagert hatte. Inzwischen nutzen die Gemeinden Engstingen, Hohenstein und Trochtelfingen das ehemalige Kasernengelände als Gewerbepark. Bald dahinter folgt das große Werksareal der Firma Schwörerhaus in Hohenstein-Oberstetten. Von wegen nur Landschaft und Landwirtschaft auf der Alb.
Der Flug bietet völlig neue Ein- und Ausblicke. Wer die Landschaft nur vom Auto aus kennt, ist überrascht, wie hoch der Waldanteil auf der Schwäbischen-Alb ist. Über dem Segelfluggelände demonstriert der Pilot die besonderen Eigenschaften seines Tragschraubers. Er schaltet den Propeller aus, der Rotor dreht sich munter weiter. Langsam und sanft schwebt der Gyrokopter nach unten. Als die Höhe für die Landung günstig ist, schaltet Schrägle den Propeller wieder ein, setzt auf der Graspiste auf und lässt das Fluggerät in Richtung Hangar rollen.
„Ich fliege dahin, wo es schön ist“
Am Vereinsheim des Luftsportvereins wartet schon der nächste Passagier. Er hatte von seiner Familie einen Gutschein für den Flug erhalten. Auf Schrägles Frage nach dem Flugziel gibt er Bad Urach an, wo er herkommt. Welche Route der Pilot nimmt, bestimmen die Passagiere. „Ich fliege dahin, wo es schön ist.“ Also auch ins nahe Donautal, obwohl das außerhalb des Biosphärengebiets liegt. Seit dem vergangenen Jahr bietet er Biosphärenflüge an. „Ich zeige den Leuten die Schönheiten aus der Luft.“ Im Biosphärengebiet, dessen Konzept Ökologie und Ökonomie verbindet, „haben wir so eine Vielfalt“, schwärmt Schrägle. Er fliegt das ganz Jahr über. Gutes Wetter sei eigentlich nicht nötig, aber „Sicherheit steht bei mir immer an erster Stelle.“ Den kräftigen Wind am Albtrauf hat der Tragschrauber einfach weggesteckt, kein bisschen gewackelt.

Der Preis für einen Flug mit dem Gyrokopter hängt von der Dauer ab. Eine halbe Stunde kostet 99 Euro, eine Stunde 189 Euro. Einen zwölfminütigen Schnupperflug gibt es für 49 Euro. Werner Schrägle ist erreichbar unter t 01 60/5 82 82 86 oder 08 00/ 7 70 25 36 sowie E-Mail: anfrage@biosphaeren-flug.de.
www.biosphaeren-flug.de


FINANZIER FEHLT NOCH
Motorrad fuhr Werner Schrägle 30 Jahre lang, aber inzwischen bleibt die Maschine in der Garage. Bis vor zwei Jahren besaß der Inhaber einer Firma für Medizintechnik auch „einen schönen Sportwagen“. Doch den verkaufte er, als er sich für 70 000 Euro einen Gyrokopter zulegte. Schrägle ist völlig fasziniert von diesem Fluggerät. 2004 hat er auf einer Safari in Südafrika erstmals einen Tragschrauber in Aktion gesehen. Doch bis 2008 flog er weiterhin mit seinem Motorschirm über die Alb. Bis i hn einmal Schlechtwetter daran hinderte. Danach rief er Thomas Kiggen in Hildesheim an, einen der deutschen Tragschrauber-Pioniere, und verabredete einen Probeflug. Auf der Anreise geriet er jedoch ins Sturmtief Emma. Schrägle hakte den Flug ab – und war umso überraschter, als Kiggen ihm trotz 120 Stundenkilometer Windgeschwindigkeit sagte: „Komm steig ein.“ Da war ihm klar. „Das ist was für mich.“
Seine Firma hat er noch. „Aber das ist nicht mehr mein Mittelpunkt.“ Viel Energie verwendet er in die Entwicklung eines eigenen Gyrokopters, bei der er mit verschiedenen Experten zusammenarbeitet. Die sei inzwischen fast abgeschlossen. Der neue Tragschrauber soll ein Karbon-Leichtbau sein, der deutlich weniger Gewicht hat, mit einem neuen Antrieb auch leiser ist und weniger Sprit verbraucht. Für den Antrieb schwebt ihm Biogas statt Superplus vor. Ein umweltfreundlicheres Fluggerät passe gut zum Biosphärengebiet.
Für die Produktion fehle jetzt nur noch ein Kapitalgeber. In Sachsen würde er eine hohe Förderung erhalten, aber da zögert der heimatverbundene Schwabe. Er hofft noch auf einen Finanzier, damit er die Produktion im Schwabenland starten kann.    kh

 
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